Hat die Politik wirklich geglaubt, Babyboomer würden niemals alt werden? Warum Millionen Menschen heute das Vertrauen in die Rentenpolitik verlieren.
Hat die Politik wirklich geglaubt, Babyboomer würden niemals alt werden?
Warum Millionen Menschen heute das Vertrauen in die Rentenpolitik verlieren.
Warum mich die aktuelle Rentendebatte nachdenklich macht
Wenn ich derzeit die Zeitung aufschlage, entsteht bei mir immer häufiger das Gefühl, dass diejenigen, die dieses Land jahrzehntelang getragen haben, plötzlich selbst zum Problem erklärt werden.
Erst heißt es, wir müssten länger arbeiten.
Dann wird über Kürzungen diskutiert.
Nun stehen sogar Minijobs auf dem Prüfstand.
Als Angehörige des Jahrgangs 1964 gehöre ich zu den letzten Babyboomern. Ich habe immer gern gearbeitet – und ich arbeite heute noch gern. Nicht, weil ich muss, sondern weil Arbeit Sinn stiften kann.
Aber irgendwann stellt sich eine einfache Frage:
Wann reicht es eigentlich?
Das alles war doch seit Jahrzehnten bekannt
Mich irritiert weniger die Diskussion selbst.
Mich irritiert, dass heute so getan wird, als käme die demografische Entwicklung völlig überraschend.
Dabei wusste die Politik bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren sehr genau:
- Die geburtenstarken Jahrgänge würden irgendwann in Rente gehen.
- Die Menschen würden immer älter werden.
- Gleichzeitig würden weniger Kinder geboren werden.
Das sind keine Naturkatastrophen.
Das sind Entwicklungen, die seit Jahrzehnten statistisch bekannt waren.
Deutschland verfügt über hervorragende Statistiker, Demografen, Wirtschaftsweise und Forschungsinstitute.
Warum also wirken viele politische Entscheidungen heute so, als hätte niemand diese Entwicklung kommen sehen?
Wir haben dieses Land aufgebaut
Nach dem Krieg wurde Deutschland nicht durch Computer aufgebaut.
Nicht durch Roboter.
Nicht durch künstliche Intelligenz.
Es waren Millionen Menschen.
Unsere Eltern.
Die Gastarbeiter, die zum Wiederaufbau ins Land geholt wurden.
Und später wir Babyboomer.
Wir haben gelernt, gearbeitet, Familien gegründet, Unternehmen aufgebaut, Steuern gezahlt und jahrzehntelang in die Sozialversicherungen eingezahlt.
Natürlich erhalten wir heute Rente.
Genau dafür wurden diese Beiträge schließlich geleistet.
Leistung wird plötzlich zur Belastung?
Was mich besonders beschäftigt:
Immer mehr Menschen möchten auch im Rentenalter noch arbeiten.
Nicht jeder braucht das Geld.
Viele möchten einfach aktiv bleiben.
Andere benötigen den Zuverdienst, weil die Lebenshaltungskosten enorm gestiegen sind.
Gerade Frauen, die wegen der Kinder viele Jahre in Teilzeit gearbeitet haben, versuchen ihre Rente aufzubessern.
Studenten finanzieren ihr Studium.
Rentner helfen in Vereinen, Gaststätten oder im Einzelhandel aus.
Und nun wird ausgerechnet diese Flexibilität infrage gestellt.
Ich frage mich:
Ist das wirklich die richtige Stellschraube?
Weniger Arbeit bedeutete nicht automatisch mehr Arbeitsplätze
Ich erinnere mich noch gut an frühere Diskussionen.
Damals wurde gefordert, die Wochenarbeitszeit zu verkürzen.
Die Hoffnung war:
Wenn jeder weniger arbeitet, entstehen automatisch neue Arbeitsplätze.
Die Realität sah häufig anders aus.
Viele Beschäftigte erledigten dieselbe Arbeit einfach in weniger Stunden.
Der Leistungsdruck stieg.
Überstunden häuften sich.
Burnout wurde plötzlich zum gesellschaftlichen Thema.
Die Digitalisierung beschleunigte diese Entwicklung zusätzlich.
Die stille Revolution heißt Automatisierung
Heute erleben wir eine Entwicklung, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.
Maschinen übernehmen Produktionsschritte.
Software ersetzt Sachbearbeitung.
Künstliche Intelligenz schreibt Texte, erstellt Analysen und beantwortet Kundenanfragen.
Für Unternehmen ist das häufig wirtschaftlich sinnvoll.
Doch für unser Sozialsystem entsteht eine neue Herausforderung.
Denn Maschinen...
- zahlen keine Rentenbeiträge,
- zahlen keine Krankenversicherung,
- kaufen keine Lebensmittel,
- gehen nicht ins Kino,
- buchen keinen Urlaub.
Sie erzeugen Wertschöpfung.
Aber sie nehmen am gesellschaftlichen Wirtschaftskreislauf nicht teil.
Vielleicht stellen wir die falschen Fragen
Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir ständig darüber diskutieren,
wie Menschen mehr arbeiten können,
wie sie länger arbeiten können,
wie sie mehr einzahlen können.
Vielleicht müssten wir stattdessen fragen:
Wie finanzieren wir künftig einen Sozialstaat, wenn immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird?
Diese Frage wird uns nicht erst in zwanzig Jahren beschäftigen.
Sie beginnt bereits heute.
Deutschland hat kein Einnahmenproblem allein – sondern auch ein Ausgabenproblem
Oft hört man den Satz:
„Deutschland hat kein Geld.“
Ganz ehrlich?
Ich glaube eher, dass Deutschland enorme finanzielle Mittel bewegt – aber die entscheidende Frage lautet:
Wie werden diese Mittel eingesetzt?
Natürlich braucht ein moderner Staat Investitionen.
Natürlich braucht er Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Forschung und soziale Leistungen.
Aber genauso selbstverständlich muss Politik regelmäßig prüfen,
- welche Projekte tatsächlich wirken,
- welche Förderprogramme ihren Zweck erfüllen,
- wo Geld versickert,
- wo Bürokratie mehr kostet als sie nutzt,
- und welche Prioritäten für die Zukunft unseres Landes wirklich wichtig sind.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeld bedeutet nicht, möglichst viel auszugeben.
Er bedeutet, mit dem Geld der Bürger so sorgfältig umzugehen, wie jeder verantwortungsbewusste Haushalt es ebenfalls tun würde.
Solidarität funktioniert in beide Richtungen
Solidarität bedeutet für mich nicht, immer neue Belastungen für diejenigen zu schaffen, die bereits jahrzehntelang ihren Beitrag geleistet haben.
Solidarität bedeutet auch,
dass Politik langfristig plant,
Entwicklungen frühzeitig erkennt
und Verantwortung übernimmt.
Nicht jede neue Herausforderung lässt sich dadurch lösen, dass Bürger länger arbeiten, höhere Beiträge zahlen oder auf weitere Freiheiten verzichten.
Mein Wunsch
Ich wünsche mir eine Politik,
die weniger kurzfristig repariert
und mehr langfristig gestaltet.
Eine Politik,
die den Menschen wieder das Gefühl gibt,
dass Leistung geschätzt wird,
dass Erfahrung wertvoll ist
und dass Generationen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Denn am Ende sitzen wir alle im selben Boot.
Und gute Zukunftspolitik beginnt nicht erst dann,
wenn Probleme bereits eingetreten sind.
Sie beginnt Jahrzehnte vorher.
Sabines Blick auf die Dinge
Vielleicht besteht die größte Herausforderung unserer Zeit gar nicht darin, dass wir immer älter werden. Sondern darin, dass wir unsere Gesellschaft noch immer nach den Regeln einer Welt organisieren, die es so längst nicht mehr gibt.

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